Wenn über der Ostsee plötzlich das GPS in zivilen Flugzeugen ausfällt, wenn russische Radarstellungen in der Ukraine ihre Ziele nicht mehr orten oder eine ganze Brigade nicht mehr funkt, sieht man die Folgen einer Waffenart, die selbst unsichtbar bleibt. Die Bundeswehr nennt sie EloKa, kurz für Elektronische Kampfführung. International heißt das Feld Electronic Warfare.
Was ist elektronische Kriegsführung? Eine Einführung
EloKa nutzt das elektromagnetische Spektrum als Waffe und Schild zugleich. Funkwellen, Radarsignale, GPS-Frequenzen und Infrarotstrahlung sind das Schlachtfeld. Drei Bereiche stehen im Zentrum:
- Elektronischer Angriff: Das gezielte Stören oder Zerstören gegnerischer elektronischer Systeme.
- Elektronischer Schutz: Die Verteidigung eigener Systeme gegen genau diese Angriffe.
- Elektronische Aufklärung: Das Abhören und Auswerten feindlicher Signale.
Wichtig ist die Abgrenzung: EloKa ist nicht Cyberkrieg. Wer einen Server hackt oder Schadsoftware in ein Stromnetz schleust, bewegt sich in Software und Datennetzen. EloKa wirkt eine Ebene tiefer, im physikalischen elektromagnetischen Spektrum selbst. Beide Felder überschneiden sich gelegentlich, folgen aber unterschiedlichen Regeln, brauchen andere Werkzeuge und werden in der Bundeswehr von verschiedenen Truppenteilen geführt. Verankert ist EloKa in der Truppe für Cyber- und Informationsraum (CIR).
GPS-Störung: Das bekannteste Beispiel
Für Zivilisten ist die GPS-Störung der sichtbarste Teil von EloKa. Seit 2022 melden Piloten über Finnland, Estland, Lettland und der östlichen Ostsee regelmäßig Ausfälle ihrer Navigationssysteme. Im Frühjahr 2024 musste Finnair den estnischen Flughafen Tartu wochenlang aus dem Anflugplan nehmen, weil die GPS-gestützte Navigation unzuverlässig wurde. Behördliche und journalistische Quellen verweisen übereinstimmend auf bodengestützte Störsender im Bereich Kaliningrad und auf der Krim, wie etwa der Spiegel berichtet hat.

Das Prinzip ist denkbar einfach. Ein Sender am Boden strahlt auf der GPS-Frequenz Rauschen ab und überlagert damit das eigentliche Satellitensignal. Man kann sich das vorstellen wie den Versuch, in einem Raum voller Lautsprecher ein Flüstern zu verstehen. Genau so geht es einem GPS-Empfänger, wenn er gejammt wird. Das Satellitensignal kommt aus rund 20.000 Kilometern Entfernung an, ein bodengestützter Störsender hat in seiner Region um ein Vielfaches mehr Leistung.
Militärisch trifft das ins Mark: Präzisionsmunition verliert Treffergenauigkeit, Drohnen verirren sich, Bodentruppen wissen nicht mehr, wo sie stehen. Wie verwundbar GPS-Satellitensignale und ihre Verwundbarkeit heute sind, gehört zu den meistdiskutierten Schwachstellen moderner Streitkräfte.
Radar: Augen blind machen
Radar funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip wie ein Echolot. Ein Sender schickt Radiowellen aus, sie prallen an Flugzeugen, Raketen oder Schiffen ab, ein Empfänger fängt das Echo auf. Aus Laufzeit und Richtung errechnet das System Position und Geschwindigkeit. EloKa setzt an diesem Prinzip an, auf zwei Wegen.
- Beim Jamming wird der Radarempfänger mit künstlichem Rauschen geflutet, sodass er die echten Echos nicht mehr herausfiltern kann.
- Bei der Täuschung geht EloKa weiter. Hier sendet das System gefälschte Signale, die der gegnerische Radar als Ziel interpretiert. So entstehen Geisterflugzeuge, die nicht existieren, oder echte Flugzeuge verschwinden aus dem Bild, weil ihre Position digital verschoben wurde
Der deutsche Eurofighter besitzt seit der Tranche 4 eine integrierte EloKa-Suite, die genau diese Aufgabe übernimmt. Bei der nächsten Kampfjetgeneration FCAS soll Elektronische Kampfführung tief in das Gesamtsystem aus bemanntem Jet und unbemannten Begleitdrohnen eingebettet sein. Im Ukraine-Krieg ist Radar-EloKa Routine. Russische Luftabwehr versucht die Zielsysteme ukrainischer Drohnen und Marschflugkörper zu blenden, ukrainische Einheiten stören die Artilleriefeuerleitradare auf der Gegenseite.

Signalaufklärung: Dem Feind zuhören
Die dritte Säule der EloKa ist die leiseste. Signalaufklärung, im Fachjargon SIGINT (kurz für Signals Intelligence), hört dem Gegner zu, ohne selbst zu senden. Funksprüche von Bataillonen, Steuerbefehle für Drohnen, die elektronischen Signaturen von Panzern und Schiffen geben Aufschluss über Aufstellung, Befehlsstruktur und Bewegungen.
Der entscheidende Vorteil: Wer nur zuhört, strahlt selbst kein Signal ab und ist deshalb extrem schwer aufzuspüren. Klassiker dieses Felds ist die Entzifferung der deutschen Enigma-Funksprüche in Bletchley Park, die im Zweiten Weltkrieg den Verlauf des Atlantikkriegs mitentschied. Heute ist die Signalaufklärung des BND eine der Kernmethoden des deutschen Auslandsnachrichtendienstes, ergänzt um die militärische Aufklärung der Bundeswehr.
EloKa im Ukraine-Krieg: Das reale Schlachtfeld
Kein Konflikt der Gegenwart liefert so viele Daten über EloKa wie der Krieg in der Ukraine. Auf russischer Seite stehen Systeme wie Krasukha-4, das Radar und Satellitenkommunikation in einem Radius von bis zu 300 Kilometern stören soll, und der R-330Zh Schitel gegen Funkverbindungen und GPS. Mehrere dieser Anlagen wurden seit 2022 von ukrainischen Streitkräften erbeutet oder zerstört und sind dadurch erstmals öffentlich dokumentiert.
Die Ukraine wiederum kombiniert improvisierte Eigenentwicklungen mit westlicher Technik. Besonders sichtbar ist das Wettrüsten um Drohnen. KI-gesteuerte Drohnen und ihre Abhängigkeit von Signalen sind das Schlüsselthema dieser Front. Beide Seiten stören die Funk- und GPS-Verbindungen der gegnerischen Quadrokopter, woraufhin die Hersteller jammfeste Navigation, Trägheitsmesstechnik und teilautonome Zielführung nachrüsten. Die Lebensdauer einer Drohnengeneration liegt nach Berichten ukrainischer Frontstäbe oft nur bei drei bis sechs Monaten.
Die Bundeswehr und EloKa: Systeme und Fähigkeiten
Ein Großteil der deutschen EloKa-Fähigkeiten ist klassifiziert, öffentlich dokumentiert sind aber zentrale Bausteine.
- KORA (Komponentensystem für Operative Radioelektronische Aufklärung) ist das aktuelle Hauptsystem für taktische Signalaufklärung im Heer.
- Mit VERA-NG nutzt die Luftwaffe einen passiven Sensor, der Flugzeuge und Raketen anhand ihrer eigenen Funkemissionen ortet, ohne selbst zu senden. Stealth-Maschinen lassen sich auf diesem Weg deutlich schwerer verstecken.
- Die EloKa-Suite des Eurofighter dient dem Selbstschutz im Luftkampf.
- Ausgebildet wird an der Schule für Elektronische Kampfführung in Daun in der Eifel, die seit den 1960er Jahren Spezialisten für dieses Feld qualifiziert.
Was öffentlich nicht steht, bleibt hier auch ungenannt. Quellen für das Obenstehende sind offizielle Veröffentlichungen der Bundeswehr, des BMVg sowie der einschlägigen Fachpresse wie Flugrevue.
EloKa als Querschnittsthema: Verbindung zu anderen Bereichen
Elektronische Kampfführung ist kein isoliertes Spezialgebiet. Sie taucht heute überall dort auf, wo moderne Streitkräfte auf das elektromagnetische Spektrum angewiesen sind. Sie greift die Satelliten an, die Position und Kommunikation liefern. Sie zerstört die sauberen Signale, auf die KI-gesteuerte Waffensysteme angewiesen sind. Sie ist fester Bestandteil künftiger Kampfflugzeuge wie FCAS. Sie kann zivile Netze treffen und damit Auswirkungen auf kritische Infrastruktur haben, ohne dass eine einzige physische Grenze überschritten wird. Und sie liefert den Geheimdiensten die Rohdaten, aus denen Lagebilder entstehen.
Das macht EloKa zum Bindeglied moderner Kriegsführung. Wer den Luftkampf, den Weltraum oder die hybride Bedrohungslage verstehen will, kommt am elektromagnetischen Spektrum nicht vorbei.
Häufige Fragen zur Elektronischen Kriegsführung (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen elektronischer Kriegsführung und Cyberkrieg?
Cyberkrieg findet in Software, Netzwerken und Daten statt. Angreifer dringen in Server ein, manipulieren Code und stehlen Informationen. Elektronische Kriegsführung wirkt eine Ebene tiefer, im physikalischen elektromagnetischen Spektrum. Sie stört Funkwellen, Radarsignale und GPS-Frequenzen direkt. Beide Felder ergänzen sich, sind aber technisch und organisatorisch getrennt.
Warum wird GPS über der Ostsee gestört?
Seit 2022 dokumentieren Behörden in Finnland, Estland, Lettland und Schweden massive GPS-Störungen über der östlichen Ostsee. Die Signalmessungen weisen auf bodengestützte Sender in der russischen Exklave Kaliningrad und auf der Krim hin. Mögliche Zwecke sind der Schutz eigener Militärinfrastruktur, Übungen und systematische Störung des zivilen Luftverkehrs als Druckmittel.
Welche EloKa-Systeme hat die Bundeswehr?
Öffentlich bekannt sind unter anderem das Aufklärungssystem KORA, der passive Radar VERA-NG, die integrierte EloKa-Suite des Eurofighter und die Schule für Elektronische Kampfführung in Daun. Größere Teile der EloKa-Fähigkeiten sind klassifiziert und werden nicht öffentlich beschrieben.
Wie wird elektronische Kriegsführung im Ukraine-Krieg eingesetzt?
Beide Seiten stören GPS, Funkverbindungen und Drohnensteuerung in großem Umfang. Auf russischer Seite kommen Systeme wie Krasukha-4 und R-330Zh Schitel zum Einsatz, die Ukraine kombiniert westliche Technik mit eigenen Entwicklungen. Besonders intensiv ist das Wettrüsten um Drohnen, deren Lebenszyklus durch EloKa-Gegenmaßnahmen oft nur wenige Monate beträgt.
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